ARCHIV - Sprache und
Erinnerung des Systems
»… ob man nicht eben genau das, was man verdrängt,
erinnern und archivieren könne,
es archivieren könne, indem man es verdrängt …«
Jacques Derrida
Eine Fahrt an Orte, in denen
heute Papier ist, was gestern Zukunft war. Der eigene
Blick, ein Abgleich flüchtiger Erinnerung mit dem Abraum
der Geschichte. Der Versuch, sich davon ein eigenes,
notwendigerweise bruchstückhaftes Bild zu machen, wie
Vergangenheit in unterschiedlichen nationalen Kontexten
postsowjetischer Realität bewahrt, vergessen oder
erschlossen wird. Der Fokus wird weniger auf die Inhalte
selbst als vielmehr auf die Räume gelegt, die den aktuellen
Umgang mit ihnen definieren. Das sind, je nach Intention
und Potenz der Betreiber, Nischen, Höhlen, Bunker, Hallen,
in die wir unsere Trophäen packen, dem unablässigen Verlust
entrissen, für eine andere Ewigkeit. Das Archiv ist ein
komplexes Konstrukt voller Ambivalenz, in erster Linie
jedoch ein Instrument der Rückversicherung. Oft ein Ausweis
von Feigheit und Unsicherheit, gern auch ein wahnhafter
Ausdruck von Dickmäuligkeit, immer aber ein Trauer-Apparat.
Verkapselte Erinnerung, mal weggesperrt hinter
Stacheldraht, geschützt durch ein Bollwerk von Gesetzen,
Verordnungen und Formularen, mal präsentiert in lichtfrohen
Sälen, buhlend um Aufmerksamkeit. Taucherglocken im Ozean
der Flüchtigkeit, an filigranen Kabeln hängend. Oasen der
Stille in lärmender Betriebsamkeit, Plätze der Einsicht und
Erkenntnis - Friedhöfe eben.
Hier steht die Zeit selbst an der Rampe, Selektion
definiert Erinnerung, administrierte Wahrnehmung schafft
Gegenwart. Mit Draht verschnürt, in Leder geknebelt, in
Kisten gesperrt, in Akten gebündelt, in unzählige Kilometer
Regalfläche gepresst, von übel gelaunten Archivaren
argusäugig bewacht - das Erbe, ein stinkender, zum Faulen
neigender Haufen in den Kulissen, wenn die Darsteller schon
längst ein Fraß der Würmer geworden sind. Die Staatsräson
ist der große Zampano, in dessen Auftrag wieselflinke
Zensoren unermüdlich den Bestand im Kontext des politischen
Tagesgeschäfts neu zu interpretieren suchen.
Seinem Wesen nach rückwärts gewandt und introvertiert
braucht das Archiv seinen Platz in der zukunftsgeilen und
damit todessüchtigen Realität. Diese Verortung im Raum ist
mal ein großmäuliges Versprechen, mal ein verschämtes
Wegducken aber in jedem Fall aufschlussreich.
In einem ersten Schritt soll es bei diesem Projekt um das
Finden, Aufsuchen und ins Bild setzen von Archiven in
Lettland, der Ukraine und Russland gehen. Im Ergebnis soll
eine Anzahl Fotografien, Begegnungsprotokolle und im besten
Fall das Konzept für einen Dokumentarfilm zum Thema
entstehen. Die Auswahl der Erinnerungsorte folgt am ehesten
dem Prinzip Vielfalt, so dass sowohl offizielle,
halbamtliche als auch private Dokumentensammlungen in den
Metropolen und auch in der Provinz berücksichtigt werden.
In Frage kommen staatliche Institutionen wie Justiz,
Militär, Geheimdienst und Bildungswesen,
Menschenrechtsorganisationen, Veteranenverbände und
Privatleute. Vollständigkeit kann und soll allerdings nicht
angestrebt werden, vielmehr geht es um die Einrichtung
Archiv im Spannungsfeld konträrer Lesarten jüngerer
Geschichte wie Okkupation und Befreiung, Repression und
Integration, Kolonisation und Progress.