Dubnakinder
eine
Spurensuche von Erik S. Tesch
Einen Teil der Kindheit haben wir mit unseren Familien
unweit von Moskau in einem kleinen Wissenschaftsstädtchen
namens Dubna in der UdSSR verbracht. Zumeist war es der
Vater, der am Vereinigten Institut für Kernforschung, einer
internationalen Forschungseinrichtung für fundamentale
Probleme der Kern- und Elementarteilchenphysik, arbeitete.
Wir Kinder sind zweisprachig aufgewachsen und haben
intensive Erfahrungen in einem fremden Land gemacht.
Unsere Väter gehörten zur Wissenschaftselite. Ihre
Erinnerung an den Krieg war Hunger, oft Verlust der Heimat
und ein strenges Regiment der Mutter, die ohne Mann die
Familie durchbringen musste. Was hier unter Entbehrungen in
proletarischen oder kleinbäuerlichen Milieus aufwuchs,
hatte in Europas Osten die besten Chancen aufzusteigen.
Ausnahmsweise nahm das Regime seine eigene Doktrin ernst.
(Ganz konsequent warf die Idee, welche Arbeiterkindern zu
Bildung und sozialem Aufstieg verhalf, der nächsten
Generation, nunmehr suspekte Intelligenzlerbrut, Knüppel
zwischen die Beine.) Schon 1935 hatte Genosse Stalin
postuliert: "Die Kader entscheiden alles!". Das Trauma des
vollständigen Zusammenbruchs saß den Vätern tief in den
Knochen und wurde doch Motor für den Aufbruch. Nach der
Einrichtung der Fakultät für Kerntechnik 1955 an der TU
Dresden, lag nichts näher, als sich, in einer Zeit des
Neubeginns, in die Moderne zu stürzen. Das ist deutsch.
Goethe, Faust 1. Teil: ,,Dass ich erkenne, was die Welt, im
Innersten zusammenhält." Fortschritt. Fort schreiten.
Schnell weg, denn die neue Republik war schon wieder eng
geworden. Zwei Kinder später war die Mauer schon zehn Jahre
alt und die Seele brannte immer noch. Die mitreisende
Ehefrau packte die Kinder und den Container und dann: nach
Osten. Das hatte nun einen ganz anderen Klang. Nach dem
miefigen Duckmäuserparadies war diese Weite berauschend.
Erhebliche Forschungsmittel, eine gute Ausstattung der
Institute, die Möglichkeit zum internationalem Austausch:
Dubna war ein Traum für Physiker aus dem Ostblock. Dazu
kamen die Privilegien, Versorgung durch Sondergeschäfte,
doppeltes Gehalt, Bestellkataloge für westliche Waren, die
Reisen ins Innere des Imperiums. Die 70er waren die
goldenen Jahre des Sozialismus und wir waren Kinder. Der
Schauplatz dieses Märchens war noch jünger als ihre
erwachsenen Bewohner; 1946 von Häftlingen in die sumpfigen
Wälder an der Wolga bei Moskau gerammt. Das Alte muss
verrecken, damit die Zukunft Raum hat. Hier war vor dreißig
Jahren der deutsche Blitzkrieg festgefroren. Manchmal war
die Kälte noch zu spüren. Bei den Räuber und Gendarm
Spielen, hatte ich immer die Rolle des Faschisten zu
übernehmen, recht undankbar, denn die Niederlage war
unausweichlich. Für meine gezeichneten Panzer und Flugzeuge
war das Balkenkreuz obligat, dafür sorgten meine Kameraden
Pioniere. Trotzdem, ich war glücklich in dem Laboratorium
der Moderne, mit seinen miniaturisierten
Repräsentativbauten im Stil des Stalin-Empire, durch dessen
Parks im Sommer die Sprengwagen fuhren, die mit Wasser den
Staub von der Straße und mit DDT die Mücken aus den Büschen
spülten. Ich fühlte mich frei wie niemals wieder und
erinnere immer wiederkehrende Alpträume in den Nächten. In
der Schule der Deutschen Delegation waren wir am Mittwoch
Nachmittag bei Heimatkunde und Muttersprache unter uns,
sonst drückten wir die Schulbank gemeinsam mit Polen,
Tschechen, Slowaken, Ungarn und vor allem Russen. Die
Umgangssprache war russisch, beim Subbotnik fehlte niemand,
beim Appell standen wir alle stramm und doch wurden wir
keine kleinen Sowjets. Der nationale Zusammenhalt war
stärker als jede Indoktrination. Da war kein Dünkel aber
vielleicht machte uns Ausländer das Wissen um die
Rückzugsräume in Dresden, Pjöngjang und Budapest
unabhängiger, bot uns früh die Erfahrung, wählen zu können.
Dieses Privileg hatten unsere russischen Freunde nicht.
Auch waren ihre Väter in der Regel keine Doktoren und
Professoren, sondern Elektriker, Klempner, Gärtner. Für sie
kamen wir aus einer unerreichbaren exotischen Ferne, in die
wir nach einer gewissen Zeit auch wieder verschwanden.
Auch wenn nach unserer Rückkehr in die Heimatländer die
Reintegration überwiegend problemlos vonstatten ging, wird
es wohl niemanden geben, der überhaupt keine Erinnerungen
mehr an diese Zeit hat. Ich meine, sie hat uns gezeichnet.
Diese Prägung mag auf ganz unterschiedliche Weise, mental,
emotional oder sogar religiös erfolgt sein, sie mag sich
nicht immer so exponiert darstellen wie bei einer
deutsch-russischen Ehe oder der Übersiedlung nach Sibirien,
sie kann sich auch in der Wahl des Berufs oder im Leben in
der Fremde, sei es Australien oder Amerika manifestieren.
Als junge Erwachsene waren wir einer weiteren intensiven
Erfahrung ausgesetzt. Mit Ausnahme von Nordkorea, Vietnam
und Kuba, ist es zu einem radikalen Bruch mit den durch die
Schulzeit vermittelten Werten gekommen. Auch wenn die
Erschütterung für uns lange nicht so umfassend war wie der
Hieb, der unsere Väter zu einem fatalen Zeitpunkt, nämlich
am Ende ihres Berufslebens, an der Schwelle zum Alter traf
(was konnten uns Jungen die von senilen Führungsriegen
beherrschten morschen Vaterländer noch an Visionen bieten),
blieb der Zusammenbruch der Staatswesen, die unseren
Heimatbegriff für sich reklamierten, dennoch für niemanden
aus unserer Generation folgenlos. Wenn schon nichts
anderes, so hatten wir zumindest ein Feindbild verloren,
auch wenn es jämmerlich war, das hilflose Häuflein Greise,
als solches anzuerkennen. Na ja, auch das ist jetzt schon
wieder 20 Jahre her.
Die Kinder von Dubna also. Ein Alter, Lebensmitte. Wo sind
die Träume - jenseits der biologischen Reproduktion und
normierter Funktion? Vier Gruppen zeichnen sich ab. Die
Kinder aus der DDR, deren Land es nicht mehr gibt, die
Kinder aus den Ländern des Ostblocks, welche einen
Systemwechsel bei nationaler Kontinuität erlebt haben, die
Kinder aus den drei Ländern, die den Kalten Krieg auf eine
wundersam-märchenhafte Weise, wenn auch nicht unbeschadet,
so doch überdauert haben und die weiter den Anachronismus
leben und, nicht zuletzt, die Kinder unseres damaligen
Gastlandes, der Sowjetunion, des ruhmlos implodierten
Übervaters, gegen dessen immanentes Siechtum am Ende keine
Infusion der Vasallenstaaten mehr half. Einerseits die
Kinder einer ausländischen Wissenschaftselite, andererseits
der Nachwuchs von heimischen Technikern, Arbeitern,
Dienstleistern - verschiedene Rahmenbedingungen, was haben
sie für Lebensentwürfe gezeitigt, wie die Existenzen
geprägt? Eine Zeitreise in die Kindheit, eine Reise weit
nach Osten, zu denen, die geblieben sind und bleiben
mussten und eine Spurensuche tief im Westen, bei denen, die
sich auf und davon gemacht haben, an neue Ufer, auf der
Suche nach dem verlorenen Paradies.

Ich sah an alles Tun, das unter der Sonne geschieht, und
siehe, es war alles eitel und Haschen nach
Wind
Prediger I.2 V. 14