Glanz im Steppenreich
Ein Dokumentarfilmprojekt
in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut Almaty
Der Film betrachtet Kasachstan im Spiegel seiner
architektonischen Zeugnisse. Er fragt nach der Tradition
zentralasiatischer Reiternomaden, der Prägung durch die
zaristische, später sowjetische Großmacht und dem
nationalen Aufbruch ins 21. Jahrhundert. Es ist eine Reise
von ersten ortsfesten Bauten (Grabmalen) bis zu hoch
wandlungsfähigen Großstrukturen im urbanen Kontext, wobei
keine museale Unternehmung sondern eine Reihe von
Begegnungen mit Menschen in ihrem konkreten Lebensumfeld
geplant ist.
Das
Fleisch ist des Nomaden täglich Brot. Viehzucht in karger
Steppe heißt Überleben unter extremen Bedingungen. Die
Jurte bietet bei maximaler Flexibilität größtmöglichen
Schutz. Das Prinzip des Nomadentums, jeweils den Ressourcen
zu folgen, scheint nur auf den ersten Blick
anachronistisch. Tatsächlich ist es außerordentlich modern
und entspricht perfekt den Erfordernissen der auf Wachstum
fixierten westlichen Ökonomie. Die Erschließung der
kasachischen Bodenschätze, der Bau der neuen Hauptstadt
erfolgt nicht zufällig durch globale Wiedergänger der
ursprünglichen Nomaden. Konsequenterweise erinnert die
Architektur des hauptstädtischen Flughafens an die
traditionelle Form der Jurte.
Ein
winziges Volk mit einem riesigen Land. Das führt zu weiten
Räumen durch die ungebremst der Wind pfeift. Der Himmel ist
Dach und Steppe der Boden - weiter Horizont, keine Wände.
Städte sind Anker an denen sich die Horden in der Gegenwart
verlinken. Landmarken grenzen an Hybris, sie sind Pfahl im
Fleisch Asiens. Ein Reich braucht ein Zentrum. Das schafft
sich die politische Elite folgerichtig mitten im Nichts,
auf dem bisher als unbebaubar geltenden Südufer des Ishim.
Demonstrativer kann man sich nicht von der imperialen
Macht, in deren Obhut man sich vor einem Vierteljahrtausend
freiwillig begeben hatte, emanzipieren. Das Fehlen
adäquater Traditionen führt zur umfassenden Negation des
Bestehenden und radikalem Neuanfang. Den Ort in der
sumpfigen Steppe bezeichneten die Kasachen ursprünglich als
Aqmola - "Das weiße Grab". Die Sowjets wählten später den
programmatischen Namen Zelinograd, der sich von Neuland
ableitet. Die neue Metropole ist bisher noch nicht getauft
und trägt den Arbeitstitel Astana - Hauptstadt. Eine
Großbaustelle der Nationenbildung deren Sinnstiftung bisher
in ebenso ausholender wie leerer Geste von
Herrschaftsarchitektur erstarrt. Den Anschluss an die
westliche Moderne markieren die durch globalisierte
Architektursprache standardisierten Türme der Geld-,
Kommunikations- und Ölkonzerne. Die Kasachen auf der Suche
nach der eigenen Identität lassen sich ihre Metropole, in
Ermangelung eigener Kapazitäten, von Stellvertretern
errichten. Geplant von einem Japaner, projektiert von einer
internationalen Architektenelite, gebaut von Türken auf den
Knochen usbekischer und tadschikischer Gastarbeiter. Glas
und Beton statt Filz und Leder.
Die Kolonialmacht Russland hat Pionierarbeit geleistet und
dabei Architektur und Städtebau nachhaltig geprägt.
Landname durch Bautätigkeit. Baikonur, Semipalatinsk,
KARLag - ideologisierte Topografie. Die Städte im
postsowjetischen Raum sind gezeichnet von pompösen
Aufmarschräumen, bunkergleichen Verwaltungsgebäuden,
monumentalen Unterhaltungstempeln, standardisierten
Denkmalen und ebensolchen Schlafstädten - alles in Grau und
alles in bröckelndem Beton. Dazwischen das obligate schnell
wachsendes Grün, eine Karikatur des Mythos vom russischen
Wald. Die Russen sind außer Landes, ihre Sprache, ihr
Denken, ihre Bauten sind schwerer loszuwerden. Das
sowjetische Erbe ist oft zivilisatorischer Brückenkopf im
zentralasiatischen Raum und dabei zumeist ein kulturelles,
ökologisches und mentales Desaster. Verlassene Orte die
schnell versteppen und noch schneller vergessen werden
sollen.
Die Steppe ist durstig. Jahrhundertelang wurde sie mit
Milch, Blut und Tränen der Kleinen, Mittleren und Großen
Horde getränkt. Nach Bruderkrieg und Unterwerfung soll die
Zeit des "Großen Unglücks" und der Selbstaufgabe ein Ende
haben. Mit der Stadt wächst den Söhnen des kasachischen
Khanats dafür ein gewaltiges Bild. Gleich einem schwarzen
Loch absorbiert es die personellen und materiellen
Ressourcen. Das dünn besiedelte Land blutet in Richtung des
Zentrums.
Der japanische Architekt Kisho Kurokawa lieferte zur
Jahrtausendwende den Masterplan zur Entwicklung der ersten
neuen Hauptstadt des 21. Jahrhunderts. Als Vertreter des
Metabolismus erprobt er in Astana seine Ideen. Er beschwört
das Ende des "Maschinenzeitalters" und begreift den
Stadtraum als lebendigen Organismus, dem er statt einer
starren Form Nachhaltigkeit, Anpassungsfähigkeit und
Wachstumspotential verordnet. De facto wird hier die (aus
asiatischer Sicht) positive Erfahrung nomadischer
Flexibilität auf das Prinzip Stadt angewandt. Die
Hauptstadtkonzeption Astanas sucht die große Symbiose: die
Einheit des russisch geprägten Nordens mit dem asiatischen
Süden, die Koexistenz von Urbanität und Ökologie, die
Möglichkeit einer kühner Zukunftsvision mit Respekt vor
Vergangenem. Es ist ein allumfassender ideentheoretischer
Rundumschlag. Das Modell ist so flexibel, dass sich alles
erdenkliche integrieren lässt. Das realsozialistische Erbe
fällt nicht der Abrissbirne zum Opfer, sondern kann als
"Altstadt"-Cluster integraler Bestandteil Astanas werden -
weil man eine neue Stadt neben der alten baut. Raum ist
hier kein Luxus sondern Fluch. Die Stadt erlebt ein
rasantes Wachstum - auf Kosten der Regionen. Ein Ökowald
soll als Wasserspeicher und als Schutz vor den
erbarmungslosen Winden aufgeforstet werden - in der
baumlosen Steppe? Hochglanz im Sandstrahl. Die Hauptstadt
hat keinen bedeutenden Wasserlauf? Ein Rinnsal wird
angestaut und Wasserreichtum simuliert. Sowjetische und
postsowjetische Moderne scheinen sich in diesem Entwurf
nicht so fern.
Fernost
trifft Ost und Potjomkin lässt grüßen. Das eigentlich
Faszinierende an dieser Utopie ist der radikale Verzicht
auf Proportion. Kasachstan ist ein riesiges Land, das
zwischen noch gewaltigeren Giganten eingeklemmt ist. Im
Südosten muss es sich vom übermächtigen China abgrenzen, im
Nordwesten den Einfluss Russlands zurückdrängen. Ein sich
ökonomisch vehement entwickelndes, junges
zentralasiatisches Land auf der Suche nach seiner
nationalen Identität, dessen politische Verhältnisse
westlichen Demokratievorstellungen keineswegs genügen und
vermutlich auch nie entsprechen werden (warum sollten sie
auch), das sich jedoch wohltuend von den destruktiven,
fundamentalistischen, totalitären Tendenzen der blutigen
Regimes im Süden abhebt. Kasachstan ist ein Labor der
Moderne, dass sich in seiner neuen Hauptstadt Astana
Gestalt verleiht. Ein Blick darauf sollte
lohnen.