Die Pein der
Arbeit, die Angst
"Workuta -
Deutsche in Stalins Straflagern",
Dokumentarfilm von Erik S. Tesch (ARTE/WDR, 15.9.04,
20.40-21.35 Uhr)
DIETER
DEULEin Ort im Nichts
und Menschen, die in der ewigen Eisnacht der russischen
Polarregion verschwinden: Workuta - Stalins Straflager, in
dem Zwangsarbeiter aus dreißig Nationen interniert waren.
Allein 60.000 Akten über Deutsche finden sich in der
dortigen Registratur.Der
Dokumentarfilmer Erik S. Tesch hat fünf Überlebende
besucht. Eine Frau begleitete er auf ihrer Reise zurück in
die Vergangenheit. Das hat kürzlich auch Teschs Kollegin
Rita Knobel-Ulrich für ihre NDRReportage "Reise in die
Hölle - Straflager Workuta" getan (epd 12/04). Doch trotz
des gleichen Themas entstanden zwei sehr unterschiedliche
Filme. Knobel-Ulrich drehte einen sehr persönlich erzählten
Reisebericht, für den sie sich auch resolut mit ihren
Aufsehern anlegte. Sie kontrastierte die Erinnerung der
Gulag-Überlebenden mit dem nüchternen Bild vom heutigen
Alltag in dem unwirtlichen Ort.Tesch hingegen
konzentriert sich ganz auf das Erinnerte, selbst die
Erkundungen der Lagergefangenen Ursula Rumin in Workuta
bleiben auf das Gestern beschränkt - bis auf eine kleine,
aber besonders bizarre Szene. Im von zahllosen Wimpeln und
Fähnchen geschmückten Bürgermeister-Büro legt der
Rathauschef plötzlich eine Platte mit lateinamerikanischer
Musik auf und bittet den deutschen Gast zum Tanz. Danach
erzählt er ganz ernst von einem kühnen Plan: Das
Gulag-Lager soll als Fünf-Sterne-Hotel mit angeschlossenem
Freizeitpark samt Wachhunden und Stacheldrahtzaun
nachgebaut werden: "Dort können Touristen erfahren, wie
ihre Großeltern gelebt haben." Ein zynischer, absurder
Plan.Dabei ist das
Gestern an diesem Ort auf eine beunruhigende Weise
allgegenwärtig. Tesch greift ausgiebig auf diese Dramatik
zurück, illustriert die Erinnerungen der Lagerinsassen an
ihre Internierung mit Szenen aus dem noch immer bestehenden
Gefängnis, dem nördlichsten der russischen Förderation. Die
Zellen, der Stechschritt, die Wachtürme: es scheint, als ob
das ewige Eis auch das Inventar des Stalin- Russlands
konserviert habe. Dramatisch wird es, wenn die Erinnerung
an einen blutig niedergeschlagenen Lageraufstand mit
Bildern von der Gewehrausgabe der Aufseher veranschaulicht
wird. Ähnlich sieht es mit der Kohlemine aus, die zum Teil
ebenfalls noch betrieben wird: ein angesichts der
Temperaturen von bis minus 60 Grad unrentables
Unterfangen.Mehr noch: Auch
die Erinnerungen der Gulag-Entkommenen wirken trotz all der
Jahre sehr präsent - und sehr zornig. Die Angst, die Pein
der Arbeit, der Ekel vor den unmenschlichen
Hygiene-Bedingungen steigt Mal um Mal wieder auf in den
Erzählungen, gibt dem Film eine zeitlose Bitterkeit. Wo
Knobelulrich ihre Reise auch als Geste der Versöhnung und
des kathartischen Erlebens und kritische Russland-Reportage
konzipiert hat, da bleibt Teschs Film trotz intensiver
Bilder und Worte eindimensional in der Beschreibung alter
Wunden.Vom heutigen
Workuta erfährt man fast nichts. Beiläufig erwähnt wird,
der Ort, an dem viele Ex-Lagerinsassen blieben, habe in den
vergangenen Jahren ein Viertel seiner Einwohner verloren.
Nur: bis auf den Bürgermeister bleiben sie für die Kamera
unsichtbar. So verfestigt sich der durch betont dunkle,
kalte Impressionen geschaffene Eindruck eines extremen
Ortes, einer auf tragische Weise faszinierenden Welt der
Unmenschlichkeit. Eine Welt, die nur an einer Stelle etwas
heller wurde: im stalinistischen Propagandafilm, der die
mörderische Fronarbeit einer Eisenbahnlinie zum Eismeer
verklärte als Abenteuer junger Pioniere. "Die Tundra wird
ihren Bezwingern zu Füßen liegen", hieß es
dort.Teschs Doku
schlägt einen anderen Ton, nimmt die Perspektive der Opfer
ein, die sich noch bei ihrer Rückkehr ins
Nachkriegsdeutschland fremd fühlten. "Workuta? Kalkutta -
Mutter Teresa!", habe er zu hören bekommen, erinnert sich
ein Zeitzeuge an seine Rückkehr aus der
Kriegsgefangenschaft. Das sei gewesen, "als ob man vom Mond
auf die Erde gekommen ist - du bist Emigrant in
Deutschland". Dieses Gefühl der Fremde, der noch immer
befremdenden Erinnerungen durchzieht den Film, gibt ihm die
Atmosphäre einer späten Offenbarung der Leiden. Dadurch
fällt er selbst aus der Zeit, wird zum lebendigen
Gedenkfilm, dem der Blick auf die Gegenwart unendlich
schwerfällt.
© epd Medien 2004