"Das war mein
Schacht"
Über "Eisgang -
Deutsche im GULag"
ULRICH
CRÜWELL
"Au weia, ist das
kalt", war der erste Eindruck bei der Ankunft im
winterlichen Workuta, erzählt Peter Seele. Im Jahr 1950
wird der Potsdamer 22-jährig in das Arbeitslager inmitten
der eisigen Tundra deportiert. Seele ist einer von rund 1,5
Millionen Gefangenen, die seit den dreißiger Jahren als
Sklaven des stalinistischen GULag-Systems im Gebiet von
Workuta im Kohlebergbau oder im Eisenbahnbau unter
tödlichen Bedingungen schufteten. Darunter Tausende von
deutschen Zivilisten aus der sowjetischen Besatzungszone.
Die Zahlen schwanken zwischen 30 000 und 50 000. Fest steht
aber, dass im Jahr 1956 rund 3000 von ihnen - auch Frauen
und Kinder - heimkehren."Eisgang -
Deutsche im GULag" heißt der filmische Annäherungsversuch
des Potsdamer Dokumentaristen Erik S. Tesch über
(Ost-)Deutsche in Workuta, die von den Sowjets nach
Sibirien deportiert wurden. Tesch lässt fünf Zeitzeugen,
darunter auch eine Frau, ihre Geschichten erzählen. Er
fährt mit der Journalistin Ursula Rumin, die wegen
Kontakten zum britischen Geheimdienst zu 25 Jahren
Arbeitslager verurteilt war, nach Workuta. Für die heute
80- jährige Frau soll die Rückkehr mit Kamerabegleitung für
Drama sorgen. Die Realität von Workuta untergräbt die
emotionale Reise in die Vergangenheit. Mit Tesch besucht
Rumin den Bürgermeister, der von einem Fünf-Sterne-Hotel
für Extremtouristen faselt und eine Rekonstruktion eines
Arbeitslagers mit Hunden und Wachtürmen plant. Dabei gibt
es in Workuta noch heute Gefangene. Mit Bedauern berichtet
ein sowjetischer Befehlshaber, dass es heute ein "normales
Gefängnis" sei.Nach der
Filmvorführung am Mittwoch Abend erzählt Tesch im
Filmmuseum, dass Workuta heute vor allem von
"Erinnerungskultur", also von ausländischen Filmteams lebe.
Der 38-jährige Potsdamer berichtet, wie beschwerlich seine
Recherche wegen der noch immer schleppenden korrupten
Bürokratie gewesen sei. Davon erfährt man im Film selbst
nichts. Tesch verzichtet auf Kommentierung in Form eines
erklärenden Sprechers. Nur die Zeitzeugen selbst kommen zu
Wort. Texttafeln verkünden historische Zusammenhänge und
zweifelhafte Zahlen über die Opfer. Bei der letzten
Einstellung des Films aber offenbart sich das schwelende
Informationsdefizit. Ohne Erklärung versenken Bagger
riesige Betonbrocken in einem rätselhaften Krater. "War das
der Schacht 29", fragt Seele. Der Filmemacher nickt. "Das
war mein Schacht", ruft Seele aufgeregt ins Publikum, das
erst jetzt die Bedeutung des letzten Filmbildes zu
entschlüsseln vermag. Vier Monate nach Stalins Tod
entbrannte am Schacht 29 Ende Juli 1953 ein Aufstand der
Gefangenen, der nach zwei Tagen blutig niedergeschlagen
wurde und von dem die männlichen Zeitzeugen wie Seele im
Film berichten. Ihre Erzählungen sind ein wichtiges
Dokument der Erinnerung. Dass ausgerechnet der Schacht 29
zugeschüttet und vielleicht für ein zukünftiges Luxushotel
planiert wird, ist ein erklärungsbedürftiges Dokument
russischer Erinnerungskultur.Vor vier Monaten
erhielt Seele Post aus Russland. Es war seine
Rehabilitierungsurkunde, unterzeichnet von drei Generälen
und einem Militärstaatsanwalt.
© Märkische Allgemeine 2004