Weiße Hölle
Workuta
Der Potsdamer
Regisseur Erik S. Tesch erzählt von
Deutschen in Stalins Lagern
FRANK
KALLENSEE
Die "Hauptstadt
der Welt" lag hinterm Polarkreis. Bis 1955. 30 Nationen,
Russen, Ukrainer, Polen, Tschechen, Ungarn hausten hier,
auch Deutsche natürlich. Workuta hieß der Ort, den es immer
noch gibt, weniger "multikulti" allerdings. Denn die
einstige Internationalität war keine freiwillige. Wer
hierher kam, den erwartete Schwerstarbeit und
Massensterben. Acht Monate Winter, Frost bis minus 60 Grad
- das verstand Stalin unter Strafvollzug. Weiße Hölle
Workuta.Deutsche
verschlug es in vier Wellen in den GULag. Denn mit der
Roten Armee war 1945 auch der Repressionsapparat des
Generalissimus gekommen. Sowjetische Militärtribunale
tagten im Akkord. Nach tatsächlichen und angeblichen
Kriegsverbrechern waren "Konterrevolutionäre, Spione und
Saboteure" dran. Mindestens 45 000 Zivilgefangene wurden in
die UdSSR deportiert.Fünf von ihnen
hat der Potsdamer Regisseur Erik S. Tesch vor die Kamera
geholt, und mit einer von ihnen reiste er zurück in die
Vergangenheit: Die heute 80-jährige Ursula Rumin, 1952
wegen ein paar Botengängen für die Briten zu 15 Lagerjahren
verurteilt, stieg in den Zug von Berlin über Moskau nach
Workuta und an den Stationen ihres Leidens noch einmal aus.
Morgen können wir Nachgeborenen sie dabei begleiten, wenn
ins Potsdamer Filmmuseum zur Premiere gebeten
wird.Teschs Blick
wahrt eine Distanz, die dem Respekt, sicherlich aber auch
dem Genre der Dokumentation geschuldet ist. Er
rekonstruiert die monatelange Fahrt der in Waggons
gesperrten Häftlinge quer durch Osteuropa, berichtet mit
totenstillen Bildern davon, wie in Moskau die Transporte
für den GULag zusammengestellt wurden. Stalins gewalttätige
Industriealisierung wäre ohne diese Häftlinge undenkbar
gewesen. Workuta zum Beispiel verdankte seine Entstehung
einem einzigen Grund: Der Dauerfrostboden barg ein
gigantisches Kohlereservoir. 20 Jahre lang wurde es in drei
Schichten, tagein, tagaus abgebaut. Der Preis war der Tod
tausender Gefangener.Die von Tesch in
den Zeitzeugenstand gerufenen Protagonisten erzählen
unaufgeregt von Demütigung und Folter, aber auch von
unerwarteter Menschlichkeit - und Widerstand: Stalins
Ableben führte 1953 zu einem blutig niedergeschlagenen
Streik. Die Heimkehr geschah dann still, nach Adenauers
Moskau-Visite 1955. Workuta? Die Welt hatte andere Sorgen,
inzwischen.06. Oktober, 20
Uhr. Anschließend Gespräch mit dem Regisseur Erik S. Tesch
und dem Zeitzeugen Peter Seele, Moderation Knut Elstermann.
Filmmusem, Potsdam.
© MAZ 2004