Einmal Gulag und
zurück
PER
HINRICHSStalin ließ
Tausende Deutsche ins sowjetische Zwangsarbeiterlager
Workuta verschleppen, darunter auch Frauen. Einige
besuchten jetzt noch einmal den
Schreckensort.Je näher sich der
Zug von Moskau aus durch die Tundra in Richtung Osten
schob, desto stärker kamen in Ursula Rumin die Erinnerungen
hoch: Bilder von der eisigen Kälte, bei der sie zur
Sklavenarbeit gezwungen worden war, das Polarlicht der
Tundra, das die öde Steppe in bunte Dämmerung getaucht
hatte, die Schreie der Aufseherinnen im berüchtigten Lager.
"Ich dachte, es wird eine einzige Tortur." Dem Autor und
Regisseur Erik Tesch war es gelungen, die heute 80-jährige
in Köln lebende Journalistin und Drehbuchautorin für eine
Reise nach Workuta, zu einem der schrecklichsten Lager des
berüchtigten Archipel Gulag, zu gewinnen. Sie sprach dort
vor laufender Kamera über ihre 18 Monate andauernde
Haftzeit Anfang der fünfziger Jahre. Und trotz aller
seelischen Belastung musste sie manchmal sogar
lachen.Bei einem Empfang
im Büro des Bürgermeisters Igor Schpektor verkündete der um
gute Publicity bemühte Hausherr den Gästen, dass Ursula
Rumin der erste weibliche Häftling sei, der die etwa 100
000 Einwohner zählende Stadt wieder besuche: "Sie sind eine
Heldin." Spontan stellte er dann das Radio an und forderte
die alte Dame auf, mit ihm durch die Amtsstube zu tanzen.
"Es war zum Schreien", erinnert sie sich an die skurrile
Szene, die jetzt in einem Film über deutsche Gefangene zu
sehen ist*.Die 2000
Kilometer nordöstlich von Moskau gelegene Retortenstadt,
zwischen Ural und Eismeer aus dem Boden gestampft, kämpft
mit neun Monate langen Wintern, in denen die Temperatur bis
zu 60 Grad minus abfällt und es kaum hell wird. Jagt die
Purga, ein polarer Schneesturm, über die Steppe, schneiden
seine scharfen Kristalle Wunden in die Haut. Workuta ist
nur per Eisenbahn und Flugzeug erreichbar. Doch das
unwirtliche Land birgt einen Schatz. Im Permafrostboden
lagern gigantische Kohlevorkommen, die der ehemalige
sowjetische Diktator Josef Stalin und seine Nachfolger seit
den dreißiger Jahren von rund zwei Millionen
Sklavenarbeitern herausbrechen ließen. Die wurden in einem
weiträumigen Lagerkomplex gefangen gehalten. Über 180 000
starben bis 1968 in der Eiswüste, 15 000 wurden erschossen,
darunter auch viele deportierte Wolga-Deutsche, wegen
angeblicher oder tatsächlicher Kriegsverbrechen verurteilte
Landser und SS-Leute sowie nach Kriegsende verschleppte
Oppositionelle aus der Sowjetischen Besatzungszone und
späteren DDR.Zu der letzten
Gruppe gehörte auch Ursula Rumin, die imSommer 1952 als
Spionin denunziert worden war. Während eines mehrmonatigen
Gefängnisaufenthaltes hatten russische Geheimdienstler in
Berlin-Karlshorst und Lichtenberg aus der jungen Deutschen
vergebens "Geständnisse" herauszupressen versucht.
Protokolle in russischer Sprache, die sie nicht verstehen
konnte, unterschrieb sie nach nächtelangem Schlafentzug
dennoch - und nach einem zehnminütigen Prozess sprach ein
sowjetisches Militärtribunal das Urteil: 15 Jahre
Arbeitslager. Rumin wurde nach Workuta gebracht und zählte
fortan zu den annähernd vier Millionen Frauen, die im Laufe
der Stalin-Ära im Sowjetimperium unter erbärmlichen
Umständen Zwangsarbeit leisteten. "Im Lager ergeht es der
Frau in allem schlimmer als uns", schrieb der einstige
Gulag-Insasse und spätere Nobelpreisträger Alexander
Solschenizyn über die Lage seiner
Leidensgenossen.Historiker,
Journalisten und Filmemacher haben dennoch das Schicksal
der Frauen in Sträflingskleidung jahrzehntelang nur als
Randthema behandelt - bis jetzt, da absehbar ist, dass die
letzten Zeitzeugen nicht mehr lange vom Grauen werden
erzählen können.Publizisten wie
die Pulitzer-Preisträgerin Anne Applebaum oder
Wissenschaftler wie der Berliner Meinhard Stark befragen
nun ehemalige Insassinnen und hören schreckliche
Geschichten: von Massenvergewaltigungen durch Kriminelle,
von Demütigungen wie der öffentlichen Rasur der Schamhaare
und - immer wieder - von den brutalen Arbeitsbedingungen.
"Bis minus 46 Grad mussten wir raus", erzählte etwa die
damals 17-jährige Anita Wille, die ebenfalls in Workuta
litt, in einer vor kurzem gesendeten
TV-Dokumentation.Rumin wurde nach
dem Schuldspruch in einen Gefängniswaggon gesperrt, ohne
eine Nachricht an ihre Familie hinterlassen zu können. Die
Verurteilten erreichten im Frühjahr 1953 das vermeintliche
Arbeiterparadies Sowjetunion. Die Lagerverwaltung in
Workuta teilte sie einem der drei Frauenlager zu - jeder
Briefkontakt war dort verboten.Häftling Rumin
erhielt die Nummer 2-A-173; die Zahl wurde auf ein
Hosenbein und das Hemd genäht. In der Baracke Nr. 32
vegetierte sie auf einer Pritsche von 60 Zentimeter Breite,
eingeklemmt "zwischen zwei feindseligen Ukrainerinnen".
Zwölf Stunden am Tag, von sechs bis sechs, schuftete die
Deutsche in der Ziegelei, schälte mit anderen Frauen Rinde
von Baumstämmen, schleppte Eisenbahnschwellen durch die
Tundra und wuchtete Schienen auf die Bahndämme. Sie
ernährte sich dabei von Hirsebrei, Tee und 300 Gramm Brot,
jeweils morgens und abends. Aber nur wer das aberwitzig
hohe Soll erfüllte, erhielt die volle
Ration."Der Hunger und
der Schlafentzug haben uns fast um den Verstand gebracht",
erinnert sich die Journalistin. Die frühere
Ballett-Tänzerin war nicht so kräftig gebaut wie die
Landarbeit gewohnten ukrainischen oder polnischen
Gefangenen. Die Leitlinie zur Häftlingsbehandlung hatte der
russische Ingenieur Naftalij Frenkel, auch er ein
Zwangsarbeiter, erfunden: "Aus dem Häftling müssen wir
alles in den ersten drei Monaten herausholen - danach
brauchen wir ihn nicht mehr." Zur Belohnung für das
Ausbeutungskonzept stieg Frenkel zum Lagerfunktionär auf.
Im Laufe der Zeit wandeltesich der Gulag
allmählich von einer
rücksichtslosen"Strafvollzugseinrichtung" zu "einem
riesigen Wirtschaftsbetrieb", schreibt der Historiker Ralf
Stettner. Der sowjetische Energiehunger diktierte den
Akkord.Nach Stalins Tod
1953 hofften die Zwangsarbeiter auf Entlastung. Als die
nicht eintrat, kam es zum Aufstand. Am Schacht 29 stellten
sich auch deutsche Insassen mit der Parole "Keine Freiheit
- keine Kohle" den Maschinengewehren der Wachtruppen
entgegen. Rasch griff der Streik um sich, in elf Gruben
verweigerten schließlich Gefangene die Arbeit. Hunderte
wurden erschossen. Ursula Rumin blieb unbehelligt; ihr
Frauenlager hatte sich der Rebellion nicht angeschlossen.
Ein Jahr später, als Stalins Nachfolger das Gulag-System
etwas liberalisierten, konnten die Deutschen die
Lagerverlassen. Heute
erinnert nur noch ein kleiner Friedhof auf einem Hügel in
der Tundra an die Opfer. Der Volksbund Deutsche
Kriegsgräberfürsorge hat dort einen Gedenkstein errichtet;
die Holzbaracken, Wachtürme und Zäune sind von den
Bewohnern der Stadt längst verfeuert
worden.Bürgermeister
Schpektor schwebt indessen ein aufwendiges Mahnmal
besonderer Art vor: "Wir wollen das Lager vollständig
wieder errichten, mit Stacheldraht, Wachtürmen und Hunden.
Wer will, kann dann erleben, wie es als Häftling in Workuta
war."Ursula Rumin
findet die beabsichtigte Gulag-Show makaber: "Man käme ja
auch nicht auf die Idee, aus einem deutschen
Konzentrationslager einen Erlebnispark zu machen."
*
"Workuta - Deutsche in Stalins Lagern". Sendetermin: 15.
September, 20.40 auf Arte.
© DER SPIEGEL 38/2004