Eiszeit in der Hölle
Es braucht im Fernsehen manchmal nur die Stimmen:
"Workuta - Deutsche in Stalins Lagern"

ANDREAS PLATTHAUSArtikel 10 der DDR der DDR-Verfassung verbot die Auslieferung der eigenen Bürger an ausländische Mächte. Ursula Rumin, Erwin Jöris, Heini Fritsche, Horst Hennig und Peter Seele hat das nichts genutzt.Sie alle wurden in den frühen fünfziger Jahren verhaftet, der Konterrevolution oder Spionage angeklagt und in den GULag im sibirischen Workuta geschickt, dem nördlichsten Straflager der Sowjetunion; Benachrichtigungen an die Familien erfolgten nicht.Sie waren fünf von insgesamt 200 000 noch nach Kriegsende aus Ostdeutschland Deportierten, die im sowjetischen Lagersystem Sklavenarbeit zu leisten hatten. Allein in Workuta haben sich 60 000 Akten zu deutschen Gefangenen erhalten. Auf den Bildern, die jeweils bei der Einlieferung gemacht wurden, sieht man nach den wochenlangen Folterungen in Untersuchungshaft und dem noch längeren Transport von Ost-Berlin über Moskau an den Polarkreis ausgemergelte, oft gespenstische Gesichter. Jedem individuellen Schicksal seiner fünf Zeitzeugen sind in Erik S. Teschs Fernsehdokumentation "Workuta - Deutsche in Stalins Lagern" diese Aktenfotos vorangestellt. Bemerkenswert genug, daß er angesichts der Haftbedingungen und mit einem halben Jahrhundert Abstand überhaupt noch Überlebende finden konnte.Eine von ihnen, Ursula Rumin, hat sich sogar bereit erklärt, noch einmal nach Workuta zurückzukehren. Dort ist sie im vergangenen Jahr empfangen worden wie eine Heldin - sie war die erste Deutsche, die überhaupt die Stätte ihrer ehemaligen Qual besucht hat. Die Männer arbeiteten unter Tage an der Ausbeutung des gigantischen Kohlevorkommens von Workuta, die Frauen über Tage an allem, was der Betrieb der Bergwerke erforderte - vom Bahnstreckenbau bis zur härtesten Prüfung: dem Ziegelbrennen. Als Frau Rumin den heutigen Bürgermeister von Workuta besucht, wagt der zunächst mit ihr ein Tänzchen im Büro. Die Häftlinge und vor allem ihre Nachkommen sind die letzte Hoffnung, die der heruntergekommene Ort in Zeiten ohne Zwangsarbeit noch hat: "Wir wollen ein Lager des GULag wieder aufbauen, und wer will, kann in einem solchen Lager leben, mit Hunden, Stacheldraht, ganz wie seine Eltern."Der etwaige Schreckenstourismus wird auch eine noch existierende Strafanstalt vorfinden, als letztes Relikt des in den dreißiger Jahren errichteten Lagers, in dem Hunderttausende gestorben sind. Der Film schneidet bisweilen zu den Erzählungen seiner fünf Chronisten Bilder, die Jörg Adams im heutigen Strafbetrieb von Workuta aufgenommen hat: einen Blick auf den Appellhof, die Waffenausgabe an das Wachpersonal, Häftlingszüge, die durch den Ort wandern. Aber diese Überblendung der Vergangenheit mit der deutlich zivilisierteren Gegenwart hat etwas Frivoles, das die Erinnerungen der hier Geschundenen unfreiwillig relativiert, denn Bilder und Töne stimmen so gar nicht überein.Wie beeindruckend dagegen die simple Einstellung, die aus einem alten sowjetischen Propagandafilm über den Eisenbahnbau in der Tundra, der vom freiwilligen Einsatz der begeisterten Jugend des Landes schwafelt, ein einziges Bild isoliert und zwischen den im Winter zur Unkenntlichkeit vermummten Arbeitern eine untätige Gestalt im Hintergrund mit Gewehr herauslöst: deutlich ein Gefangenenwächter. So kann man die dreisten Lügen des in der Außendarstellung stets auf Menschlichkeit und Freiwilligkeit bedachten kommunistischen Systems in der Sowjetunion entlarven; da braucht es gar nicht den Wechsel von der authentischen getragenen-heroischen Filmmusik zu den schrillen Dissonanzen, die dann über den vergrößerten Wachmann gelegt werden. Dennoch ist der Effekt schockierend wie in einem Horrorfilm. Wir alle wissen um die Kulisse, die um die weiße Hölle errichtet worden ist, aber daß sie so leicht zu durchschauen war, ist eine entsetzliche Erkenntnis.Das Nebeneinander aus offiziell verkündeter Aufbruchstimmung und tatsächlicher Ausbeutung des ganzen Landes hielt selbst noch nach Stalins Tod im März 1953 an. Doch die jeweils zu fünfzehn bis fünfundzwanzig Jahren Zwangsarbeit verurteilten Deutschen kamen in den Jahren 1954 und 1955 vorzeitig frei. Der Rückweg führte sie wieder über Moskau. Als Ursula Rumin auf dem Transport ins Lager zwei Jahre zuvor in einem Gefangenentransporter durch die Stadt gefahren worden war, hatte ihr plötzlich einer der Wächter in gebrochenem Deutsch zugerufen: "Das Roter Platz. Moskau schönste Stadt der Welt!" Sie erzählt das so lakonisch wie ihre vier anderen Leidensgenossen. Diese Stimmen, diese Gesichter machen den Workuta-Film, der nach der heutigen Erstausstrahlung auf Arte noch in einige dritte Programme kommen wird, zu einem beeindruckenden Stück Zeitgeschichtsschreibung: keine neuen Erkenntnisse, aber ein klarer Blick in die Hölle.

© FAZ Nr. 215, 2004